Über Originale und Fanwerke im grauen Bereich

In unserem letzten Newsletter haben wir erwähnt, dass wir unsere Einstellung zum Hosten von Originalen im Eigenen Archiv noch einmal überdenken. Das hat zu vielen großartigen und leidenschaftlichen Diskussionen geführt, aber auch zu einer allgemeinen Verwirrung, weswegen wir gern ein paar Sachen klarstellen würden. (Ein persönlicher Kommentar von Rebecca Tushnet: Ich weiß, dass ich die Frage nicht gut formuliert habe, und das tut mir leid. Wie alle, die mit dem Archiv zu tun haben, unterstütze ich transformative Fanwerke zu 100%.)

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Wir kümmern uns alle ZUALLERERST um Fanwerke; das ist der Grund, warum wir in der OTW oder am Eigenen Archiv arbeiten. Das ist und bleibt unser wichtigstes Ziel. Wir stellen uns jetzt nicht die Frage, ob wir das Eigene Archiv auch zu einem Archiv für Originalgeschichten machen wollen, sondern was wir tun sollen, wenn Fans Werke posten, die nicht per se transformativ sind, aber trotzdem für einige Fans zum Fansein gehören.

Wir meinen zum Beispiel Anthropomorfic [englisch], Geschichten, die in einem gemischten Archiv sind und die durch das Projekt „Offene Türen“ gerettet werden sollen, Doujinshi [englisch] aus dem Yaoi-Fandom und andere Beispiele dieser Art (unten führen wir das weiter aus, wenn ihr mehr wissen wollt). In dieser Grauzone gibt es viele Werke, die man nur schwer einordnen kann. Das macht, unter anderem, die Durchsetzung unserer Regeln zu einem praktischen Problem. Wir wollen nicht, dass Fans sich ständig fragen müssen, ob die Arbeiten, die sie für Fanwerke halten, auch tatsächlich solche sind, oder ob die Arbeitsgruppe für Regelverstöße & Beschwerden irgendwann ankommt und ihnen sagt: „Lösch das wieder.“ Das ist der Grund, warum wir uns Gedanken über eine Änderung unserer Regeln machen – nicht, weil wir bewusst ein Archiv für Originalgeschichten werden möchten.

Viele von euch sorgen sich darum, dass eine lockerere Haltung zu Originalen unsere rechtliche Position schwächen könnte. Wir würden uns um eine Änderung nicht einmal Gedanken machen, wenn wir den Eindruck hätten, dass dies der Fall wäre (eine tiefergehende Erklärung dazu, warum wir uns diese Sorgen nicht machen, findet ihr weiter unten). Das gleiche gilt, wenn dadurch unsere Mittel stärker beansprucht würden. Tatsächlich ist es genau andersrum; es würde unsere Mittel viel stärker beanspruchen, wenn wir ständig ein Auge auf diese Grauzone haben müssten. Unsere Arbeitsgruppen für Hilfe und für Regelverstöße sind nicht sonderlich groß (wir sind immer auf der Suche nach Freiwilligen!) und wir wollen eigentlich keine so haarkleinen Unterschiede machen, wenn es um den Inhalt von Fanwerken und Fansein geht.

Offensichtlich müssten wir härtere Regeln einführen und uns Mittel und Wege überlegen sie durchzusetzen, wenn Originale irgendwann anfangen, das Archiv zu überschwemmen und zu viele unserer Ressourcen aufzubrauchen. Wir glauben allerdings, dass das ziemlich unwahrscheinlich ist; das Archiv ist von seiner Grundlage her für Fanwerke angelegt und in diesem Sinne werden wir auch unsere Programmierressourcen einsetzen.

Um es klar zu sagen – da dies relevant zu sein scheint – bei dieser Entscheidung geht nicht darum, sich zwischen Originalen und Fanart und Vids zu entscheiden. In einem solchen Fall würden wir uns ohne Wenn und Aber für Fanart und Vids entscheiden. Wir arbeiten schon längst daran, und diese Diskussion hat damit rein gar nichts zu tun. Fanart und Vids ins Archiv aufzunehmen ist ein großes technisches Problem, an dem wir so schnell wie wir können arbeiten. Schon seit einiger Zeit tüfteln wir an den Design- und Programmiervorraussetzungen wie auch an den Regeln. Ihr könnt uns dabei gern helfen, indem ihr uns eure Ideen mitteilt!

Eure Kommentare und Vorschläge sind uns sehr willkommen, sowohl jetzt als auch später. Alle vorgeschlagenen Änderungen unserer Nutzungsbedingungen werden öffentlich zur Diskussion gestellt und wir sind gerade erst dabei, uns Gedanken darüber zu machen, wie diese Änderungen konkret aussehen könnten.

Wenn euch noch genauere Erläuterungen interessieren, könnt ihr gerne weiterlesen und herausfinden, warum wir gerade jetzt darüber nachdenken.


Das Eigene Archiv ist kein Platz für alle fiktionale Werke und wird es auch niemals sein. Seit wir angefangen haben, das Archiv zu planen, haben jedoch einige Fans angefragt, ob sie neben ihren Fanwerken auch bestimmte Werke posten dürfen, die nicht auf einem anderen Werk beruhen. BetreiberInnen von gemischten Archiven haben sich an das Projekt „Offene Türen“ gewandt und um Aufnahme gebeten, wollten dabei aber sicherstellen, dass alle ihre AutorInnen auch weiterhin willkommen sind. Wir versuchen, solche Bitten von Fans ernst zu nehmen, genauso wie wir schon sehr früh entschieden haben, auch Fanwerke über reale Personen (RPF) aufzunehmen, obwohl die rechtlichen Regelungen für RPF vollkommen andere sind als die für Fanwerke, die sich mit fiktionalen Personen beschäftigen.

Wir überlegen, wie wir ein Regelwerk schreiben können, dass diese verschiedenen Fantraditionen berücksichtigt (in Fanart und Vids genauso wie in Texten), ohne dass wir uns deswegen allgemein für kreative Originale öffnen.

Wir haben dabei das immer wieder auftauchende Problem, dass die Grenzen fließend zu sein scheinen und dass die NutzerInnen des Archivs das Stichwort „Original“ auf verschiedene Art und Weise benutzen.

1. Mission

Die wichtigste Frage ist, ob eine Änderung sich negativ auf unsere Mission auswirken würde, und diese Frage nehmen wir sehr ernst. Die OTW hat sich dem Schutz von Fanwerken verschrieben und will den Fans dienen. Und Fans definieren sich (und die Dinge, die sie schaffen) auf sehr unterschiedliche Arten. Uns geht es hierbei besonders darum, internationale Fans und Fans anderer Fangemeinden miteinzubeziehen, die eindeutig transformative Fanwerke schaffen, auch wenn sie nicht so aussehen wie die Fangemeinden, aus denen die meisten Vorstandsmitglieder und Freiwilligen stammen.

Als wir um Feedback zu diesem Thema baten, erfuhren wir, dass in vielen Teilen des Fandoms ist die Unterscheidung zwischen Originalen und Fanfiction eindeutig ist. In anderen Teilen des Fandoms ist diese Unterscheidung dagegen sehr unklar und Archive (die Art von Archiven, die vielleicht eines Tages die Hilfen des Projekts „Offene Türen“ braucht) enthalten beide Arten von Werken.

Hier sind einige Beispiele von Fällen aus dem grauen Bereich – bei einigen erscheint es euch wahrscheinlich wichtiger sie zu hosten und zu beschützen als bei anderen, aber wir hoffen, dass sie das breite Spektrum um das wir uns Gedanken machen wirkungsvoll illustrieren:

  • Einige AutorInnen im Xena-Fandom haben begeistert die Idee aufgenommen, dass „die Charaktere Xena und Gabrielle in Wirklichkeit Archetypen waren, die vor dem Hintergrund verschiedener Epochen und Kulturen betrachtet werden konnten“ („the characters of Xena and Gabrielle were in fact archetypes that could be explored in different times and diverse cultural backgrounds.“). In dieser sogenannten „Uber“-Fanfiction ist es offenbar üblich, Xena oder Gabrielle nicht beim Namen zu nennen, keine direkten Flashbacks zu zeigen oder Rückbezüge auf die Charakteren der Serie zu nehmen, und stattdessen neue archetypische weibliche Heldinnen und Gefährtinnen zu erschaffen. Hier stellt der Kontext den Bezug zum Xena-Fandom her.
  • In wichtigen Challenges wie Yuletide, die wir im Archiv hosten wollen, erschließen Fans auch die unwahrscheinlichsten Quellen – Werke wie das Lied „Jesse’s Girl“ dienen als Inspiration für Geschichten, ohne dabei wirklich Fandoms zu sein.
  • Ein vergleichbares Beispiel ist Anthropomorfic, unter die nicht nur klar definierbare Fandoms mit einer Quelle wie Mac/PC fallen, sondern auch Charaktere wie „Fandom“ und „LJ“ sowie Pairings wie „Kaffee/Milch/Zucker“, die nicht klar als transformative Werke zu erkennen sind und trotzdem Teil von Porn Battles und Challenges und somit einer Fankultur sind.
  • In Japan schließt das „BL“ („Boys Love“, außerhalb Japans oft „Yaoi“ genannt) Fandom eine weite Spanne an SchöpferInnen und Formaten mit ein. Fanfiction, Fanart und Fancomics und Originale in korrespondierenden Formaten werden oft als zwei „Genres“ derselben Fantätigkeit angesehen.
  • Außerdem werden Doujinshi (manchmal „japanische Fancomics“ genannt) mehr über Produktion, Distribution, und Leserschaft definiert als über Inhalte. (Einige handeln von Originalcharakteren, einige von bereits bestehenden.) Der entscheidenden Unterschied ist, dass sie Eigenpublikationen abseits der Mainstream-Mangaindustrie sind. Sowohl das englisch- als auch das deutschsprachige Yaoi-Fandom kennen ein manchmal „Original-Fandom“ genanntes Genre von Originalen, das sehr beliebt ist und einen starken Bezug zum fanfictionschreibenden Fandom aufweist.
  • Im Jane-Austen-Fandom werden Originale häufig in die Foren integriert, meist handelt es sich dabei um Regency-Liebesromane. In mindestens einem Forum gehören in das Unterforum für Originale sowohl Originale als auch alle nicht auf Austen basierende Fanfiction. Sie gleichen sich im Stil, werden ähnlich wahrgenommen und werden von denselben Leuten geschrieben und gelesen.
  • Einige AutorInnen von „Original Slash“ beschreiben ihre Werke als eine Variante von Fanfiction und es ist schwierig eindeutig zwischen beispielsweise einer RPF-Geschichte, in der die Charaktere andere Namen tragen, und Original-Slash zu unterschieden.

Kurz gesagt: Wenn Leute ihre Produkte selbst als Fanwerke verstehen, wollen wir nicht die Fandom-Polizei sein, die ihnen erklärt, dass dem nicht so ist. Wir wollen nicht, dass unsere Richtlinien dafür verantwortlich sind, dass die MitarbeiterInnen des Projekts „Offene Türen“ den BetreiberInnen von Fanarchiven sagen müssen, dass nur die Hälfte ihres Archivs gerettet werden kann, auch wenn wir die Gesamtheit des Archivs für einen bedeutenden Teil der Fangeschichten halten und die Geschichten innerhalb des Archivs zueinander in Bezug stehen, unabhängig davon, ob sie Originale oder Fanfictions sind.

2. Unsere rechtlichen und nicht-rechtlichen Ziele überschneiden sich, sind aber nicht identisch.

Nicht alle Fanfiction, selbst bei einer engen Definition, benötigt die rechtliche Fürsprache, für die wir einstehen: Jane-Austen-Fanwerke, beispielsweise, basieren auf gemeinfreien Quellen, und sie sind im Archiv willkommen; genau wie Werke, die sich auf eine Vielzahl anderer gemeinfreier Quellen stützen. Bei RPF über Personen des 18. Jahrhunderts etwa gibt es keine vorstellbaren rechtlichen Komplikationen.

Obwohl einige uns zu diesem Thema ihre Bedenken mitgeteilt haben, denken wir nicht, dass das Zulassen von Originalen die rechtliche Position des Archivs schwächen würde, ebensowenig wie dies das Zulassen von auf gemeinfreien Quellen basierenden Geschichten oder RPF tun würde. Transformative Werke sind wegen der besonderen Einsichten von Bedeutung, die sie in ein bestimmtes Werk oder eine Kultur ermöglichen, und das gilt auch, obwohl es gute Geschichten gibt, die keine transformativen Werke sind. Falls ein bestimmtes Fanwerk in Frage gestellt werden würde, würden wir die Wahl dieser bestimmten Quelle verteidigen.

Den Einwand „Warum schreibt ihr nicht was Eigenes?“ wird es immer geben, egal was wir im Archiv hosten. Es wird ihn sogar im Bezug auf Fanfiction geben, im Sinne von „warum fangt ihr statt bei Harry Potter nicht bei Shakespeare oder Homer an?“ Die Entscheidung der AutorInnen, wo sie ansetzen, beeinflusst die Bedeutung ihres Werkes für sie selbst und für ihr Publikum. In jedem Fall würden wir die Wahl einer bestimmten Quelle verteidigen; Leute, die eine Quelle nicht-kommerziell transformieren, sollten sich nicht einen anderen Ausgangspunkt suchen müssen.

3. Ressourcen

Das Archiv wurde für Fanwerke und das Fandom entworfen; alle Funktionen wurden dementsprechend gestaltet und wir fühlen uns dem auch weiterhin verpflichtet. Unsere Technik-Leute erwarten keine zusätzliche Belastung für die Technik, die Server und die StichwortsortiererInnen, sollten wir die hier diskutierten Arten von Originalen zulassen. Falls sich das ändern sollte, würden wir immer die Kern-Fanwerke bevorzugen (obwohl wir die Werke, die bereits im Archiv und regelkonform sind, in so einem Fall nicht löschen würden).

Wo wir gerade bei Ressourcen sind – ein Verbot durchzusetzen würde sie auf Dauer belasten. Sollte ein/e AutorIn beispielsweise eine Geschichte in einem Fandom hochladen und behaupten, dass es sich dabei um ein extremes AU im Stil der Xena-Ubers handeln, würden wir es bevorzugen, diese Behauptung nicht in Frage zu stellen. Möglicherweise haben wir auch gar keine MitarbeiterInnen, die mit dem Fandom vertraut sind.

Eine kleine Randbemerkung: Diese Problematik hat uns vorab einen nützlichen Einblick für unsere geplanten Fanart-Richtlinien gewährt. In unseren Diskussionen ist deutlich geworden, dass wir nicht zuviel Zeit darauf verwenden wollen, die Entscheidungen von SchöpferInnen in Frage zu stellen, wenn es um die Verbindung von visueller Kunst zum Fandom geht – genauso wenig wollen wir beurteilen, ob eine Fanfiction IC ist. Wenn ein/e FanartkünsterIn ein von White Collar inspiriertes Bild zeichnen möchte, würden wir das Stichwort „White Collar“ nicht kritisieren, solange es keine anderen Bedenken wie Spam-Gefahr gibt.

Würden wir eine neue Regel einführen, die es erlauben würde Werke im Archiv hochzuladen solange sie einer erkennbaren Fantradition zuzuordnen sind, auch wenn sie auf keiner bestimmten Quelle basieren, würde das die meisten unserer Durchsetzungsprobleme mildern. Es ist leichter zu entscheiden, ob etwas Meta/kommerzieller Spam/ein Blogeintrag ist als zu entscheiden, ob ein Fanwerk genug „Fan-“ beinhaltet. Wir erwarten außerdem, dass wir unsere Regel zur Nichtgewerblichkeit strikt durchsetzen werden: AutorInnen würden für ihre kommerziellen Werke nicht mit Geschichten im Archiv Werbung machen dürfen.

4. Und was nun?

Wir freuen uns über alle eure Vorschläge für Formulierungen in unseren Richtlinien, die leicht durchzusetzen sind. Wenn euch dieses Thema betrifft, würden wir gerne eure Meinung dazu hören, wie ihr mit den verschiedenen oben genannten Werken im grauen Bereich, von Anthropomorfic bis „Original Slash“, umgehen würdet.