In Erinnerung an Yahoo! Groups

Bild-Zuordnung: Der Brand von Alexandria, Holzschnitte von Hermann Göll, 1876, Komposition durch das Yahoo-Geddon Project Team.

Heute, nach 20 Jahren Service für fannische und weitere Internet-Gemeinschaften, wurde Yahoo! Groups geschlossen. Die Entscheidung wurde am 14. Oktober dieses Jahres von Verizon bekannt gegeben.

Yahoo! Groups war eine Kombination von Diskussionsforum und Mailingliste, die 1999 ins Leben gerufen und schnell ein Zentrum fannischer Aktivität wurde. Yahoo! Groups und ähnliche Dienste erlaubten es Fans, ihre Erfahrungen in Fandom in einem noch nie da gewesenen Grad anzupassen und zu kontrollieren, und fannische Gruppen reichten von Genres über Fandoms und Ships bis zu individuellen Charakteren.

Während Yahoo! Groups in seiner Glanzzeit in den 2000ern ungemein beliebt war, begann es mit der Zeit, Nutzer*innen zu verlieren. Yahoo begann, weniger Arbeit in seine Wartung zu stecken, und eine Menge Funktionalität verschwand. Besonders in Erinnerung geblieben ist vielleicht Verizons Ankündigung am 16. Oktober 2019, dass alle archivierten Nachrichten und Dateien von Yahoo! Groups am 14. Dezember 2019 gelöscht werden würden, und dass Yahoo! Groups ausschließlich als Mailinglisten ohne Archivierung von über die Listen verbreiteten Nachrichten und Dateien fortbestehen würde.

Mit nur so wenig verbleibender Zeit, um fast 20 Jahre an Beiträgen, Bildern und anderen unersetzlichen Inhalten zu retten, beeilten sich Fans, Konservator*innen und Moderator*innen, sich zu organisieren und tätig zu werden. Für das Internet Archive übernahm das Archive Team die Führung über die Erhaltungsanstrengungen. Eine Handvoll Freiwillige schrieb Code zum Herunterladen von Inhalten und Dutzende weitere traten Tausenden Gruppen bei, sodass deren Inhalte gesichert werden konnten. Parallel dazu gründete die Fandom-Gemeinschaft schnell das Yahoo-Geddon-Projekt und begann mit Hilfe von 200 Freiwilligen, sich darauf zu konzentrieren, Fandom-Gruppen zu archivieren, wobei es vom Archive Team und PG Offline entwickelte Tools nutzte und über einen zentralen Discord und Tumblr kommunizierte. Zusammen mit anderen Erhaltungsgruppen wie der Yahoo Groups Crusade verbreiteten sie Informationen, gingen auf Journalist*innen zu und baten darum, sowohl die Anstrengungen des Archive Teams als auch die von Yahoo-Geddon als Freiwillige zu unterstützen. Währenddessen schuf das “Offene Türen”-Komitee der OTW (Organisation für Transformative Werke) das Yahoo Groups Rescue Project, um die Nachricht zu verbreiten und den Moderator*innen zur Hand zu gehen, die Hilfe brauchten, ihre Gruppen im Archive of Our Own – AO3 (Ein Eigenes Archiv) zu archivieren und schrieb einen offenen Brief an Verizon, in dem es darum bat, die Löschung zu verschieben.

Die Schnelligkeit und Zahlen hinter der Organisation der Fandom-Gemeinschaft hatte einen zusätzlichen Vorteil: Sie war dazu in der Lage, den Fokus des Archive Teams auf die Bewahrung von offenen Fandom-Yahoo-Gruppen zu lenken, auf eine Art und Weise, wie es viele andere Gruppen nicht konnten und sorgten so für größere Repräsentation der Gemeinschaft. Im Gegenzug unterstützten Freiwillige von Yahoo-Geddon die umfassenderen Erhaltungsanstrengungen des Archive Teams und halfen ihm, Kochgruppen, Genealogiegruppen, nicht-englischsprachige Gruppen und viele weitere zu retten.

Diese Bemühungen waren nicht ganz erfolglos: Verizon verlängerte die Frist bis zum 31. Januar 2020. Das Archive Team konnte über 1 Million Gruppen erhalten, das Yahoo-Geddon-Team rettete etwa 300.000 Gruppen mit Fandom-Themen, weitere hunderte oder tausende wurden von Nutzer*innen oder Moderator*innen gerettet, die über gemeinsame Outreach-Bemühungen auf die Löschungen aufmerksam geworden waren; mehrere dieser Gruppen werden ihre fannischen Inhalte dem AO3 als Open-Doors- (Offene Türen) Projekte hinzufügen! Dies verblasst jedoch im Vergleich zu den geschätzten 10 Millionen Gruppen, die verloren gingen – ähnlich wie die geschätzten 90% der vor 1929 geschaffenen Filme, die für immer verloren sind, weil niemand fand, sie wären es wert, erhalten zu werden.

Digitale Bewahrung kostet Zeit und Geld, und die großen Firmen, die gegenwärtig so viele unserer Daten beherbergen, schätzen sie nicht genug, um in Erhaltungsmaßnahmen zu investieren. Dies ist jedoch Geschichte – unsere Geschichte – und wir werden dafür kämpfen, dass sie nicht einfach spurlos verschwindet. Wir hoffen, dass Ihr Euch uns anschließt.


Die OTW ist die gemeinnützige Dachorganisation für mehrere Projekte, unter anderem AO3, Fanlore, Open Doors, TWC und OTW Rechtsvertretung. Wir sind eine Organisation, die von Fans geführt wird, vollständig aus Spenden finanziert ist und deren Mitarbeiter*innen Freiwillige sind. Erfahre mehr über uns auf der OTW-Webseite. Und um mehr über unser Team von freiwilligen Übersetzer*innen zu erfahren, die diesen Beitrag übersetzt haben, schau auf der Seite des Übersetzungsteams vorbei.

OTW-Gastbeitrag: Henry Jenkins

Von Zeit zu Zeit wird die OTW (Organisation für Transformative Werke) Gastbeiträge in unseren OTW-Nachrichten-Accounts hosten. Diese Gastbeiträge werden einen Blick von außen auf die OTW oder auf Aspekte des Fandoms bieten, in denen unsere Projekte präsent sein können. Diese Beiträge spiegeln die persönlichen Ansichten der jeweiligen Autoren wider und repräsentieren nicht notwendigerweise die Ansichten der OTW oder stellen die OTW-Richtlinien dar. Wir freuen uns über Vorschläge von Fans für zukünftige Gastbeiträge, die hier als Kommentar hinterlassen werden oder über direkten Kontakt mit uns mitgeteilt werden können.

Henry Jenkins ist einer der bekanntesten Medienwissenschaftler in Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Fandom. Sein 1992 erschienenes Buch Textual Poachers: Television Fans and Participatory Culture ist auf der ganzen Welt gelesen worden und wird als eines der Grundlagenwerke im Bereich der Fan-Studien angesehen. Als wir ihn fragten, ob er einen Gastbeitrag für diesen Monat anlässlich unseres 10. Jubiläums schreiben würde, antwortete er: “Es ist eine Ehre gebeten zu werden, diese Rolle zu übernehmen.” Henry spricht mit uns über Fans, StudentInnen und Fandom.

Textual Poachers wird weiterhin überall von StudentInnen und jenen gelesen, die sich für Fans und Fandom interessieren. Sie haben seitdem jedoch auch ein Dutzend weitere Bücher und viele Artikel verfasst. Was denken Sie, hat sich seit Ihren frühen Jahren sowohl als Wissenschaftler, als auch als Teilnehmer, am deutlichsten in Bezug auf Fandom verändert?

Im Hinblick auf Fandom war der Einfluss der digitalen Medien entscheidend: sie haben den Umfang von Fandom erweitert, inklusive einer besseren Vernetzung unter Fans auf der ganzen Welt; sie haben die Geschwindigkeit der Reaktion durch Fans erhöht, was die Möglichkeit angeht, in Echtzeit auf unsere Lieblingsprogramme reagieren zu können; sie haben einen Raum geschaffen, in dem Fanwerke wesentlich sichtbarer für Kultur im allgemeinen werden konnte (im Guten wie im Schlechten); sie haben es Menschen ermöglicht, ihren Weg ins Fandom in einem wesentlich jüngeren Alter zu finden; und sie haben die Wirkung von Fan-Aktivisten erhöht, die danach streben, ihrer Stimme als Antwort auf abgesetzte Programme Gehör zu verschaffen. (Man muss sich nur mal die dramatische Wendung des Schicksals von Timeless in diesem Frühjahr ansehen).

In Bezug auf wissenschaftliche Forschung zu Fandom haben wir die Entstehung einer ganzen Teildisziplin der Forschung beobachten können, die ihre eigenen Konferenzen und professionellen Organisationen, ihre eigenen Fachzeitschriften (inklusive Transformative Works and Cultures), ihre eigenen Publikationsreihen, ihre eigenen Seminare etc hat. Im nächsten Jahr oder so wird es mindestens vier große wissenschaftliche Sammelbände geben, deren Ziel es ist, den Bereich der Fandomforschung abzubilden. Sie werden die Entstehung einer neuen Generation von Forschern reflektieren und Innovationen an so vielen Fronten repräsentieren, vor allem aber die, dass die Fandomforschung sich endlich mit Rassendiskriminierung auseinandersetzt.

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Versaphile Gastbeitrag

Von Zeit zu Zeit wird die OTW (Organisation für Transformative Werke) Gastbeiträge auf den OTW-News-Konten veröffentlichen. Diese Gäste bieten einen Blick von außen auf die OTW oder auf Aspekte des Fandoms, an denen unsere Projekte womöglich Anteil haben. Die Beiträge drücken die persönliche Meinung der jeweiligen AutorInnen aus und spiegeln nicht die Ansichten der OTW wider oder stellen die Richtlinien der OTW dar. Wir nehmen gerne Vorschläge von Fans für zukünftige Gastbeiträge an, die hier als Kommentar oder über direkten Kontakt mit uns hinterlassen werden können.

Versaphile ist „offiziell ein Oldtimer, bereits seit 1995 im Online-Fandom: über die Jahre war ich in Fandoms zu Akte X, Ein Mountie in Chicago, Stargate SG-1, Herr der Ringe, Buffy – Im Bann der Dämonen/Angel, Hornblower, Life on Mars, Doctor Who und Merlin – die neuen Abenteuer. Ich war früher sehr aktiv in fannischen Infrastrukturprojekten wie Recs und Archiven, außerdem Vids und Manips, aber jetzt bin ich glücklich damit, absurd lange und Angst geladene Merlin-Epiken zu schreiben.“
Heute spricht Versaphile über die Erfahrung, als Betreiberin eines Archives, das ins Archive of Our Own – AO3 (Ein Eigenes Archiv) importiert werden soll, über das Zusammenarbeiten mit dem Open Doors (Offene Türen)-Projekt der OTW.

Wie kamst Du zuerst zu Fandom und Fanwerken?

Ich habe das Star-Trek-Fansein von meinen Eltern geerbt, aber mein erstes richtiges eigenes Fandom war Akte X. Ich bin 1994/1995 online gegangen und habe Usenet und alt.tv.x-files und, noch wichtiger, a.t.x.creative entdeckt. Ich kam zu Fanfic und habe nie zurückgeblickt. Weiterlesen