5 Things an OTW Volunteer Said

Fünf Gedanken von Naomi Novik

Etwa einmal im Monat wird die OTW (Organisation für Transformative Werke) eine Frage-Antwort-Runde mit einem/r ihrer freiwilligen HelferInnen zu deren Erfahrungen in der OTW veranstalten. Diese Beiträge spiegeln die persönlichen Ansichten des/r jeweiligen freiwilligen Helfers/in wider und stimmen nicht notwendigerweise mit denen der OTW überein oder stellen OTW-Richtlinien dar.

Als Teil der 10-Jahre-Jubiläumsfeierlichkeiten haben wir in diesem Monat einen besonderen, retrospektiven Fünf-Dinge-Beitrag. Der heutige Beitrag begrüßt Naomi Novik, eine der Gründerinnen der OTW, früheres Mitglied des Vorstandes und zur Zeit freiwillige Mitarbeiterin im „Barrierefreiheit, Design & Technik“-Komitee. Das Folgende ist ein Interviewtranskript, das hinsichtlich Länge und Verständlichkeit überarbeitet wurde.

Wie war das erste Jahr der OTW? Was ist Dir am stärksten in Erinnerung geblieben?

Ich erinnere mich nicht so gut an die positiven Höhepunkte. Ich stelle fest, dass ich mich mit der Zeit hauptsächlich an die Probleme erinnere. Zu Beginn gab es eine Menge Arbeit, die wir leisten mussten, um die Leute hinsichtlich dessen, was wir zu tun versuchten, zu beruhigen: Dass sie zum Beispiel nicht in [rechtliche] Schwierigkeiten kommen würden, dass es Möglichkeiten geben würde, den Leuten Kontrolle über ihre Geschichten zu geben. Die andere Sache in diesem ersten Jahr war, dass einige Leute schon fünf Minuten nach unserer Gründung Ergebnisse erwarteten! Nach dem Motto: Wo ist das Archive of Our Own – AO3 (Ein Eigenes Archiv)? Aber das braucht alles Zeit, es gab eine Menge Wachstumsschmerzen, die man natürlich hat, wenn man Dinge ganz neu erschafft, und die die OTW noch heute hat. Aber ich bin der Ansicht, dass man Dinge tun muss, wenn man den Schwung hat. Es ist besser, etwas nicht perfekt getan zu haben, als es überhaupt nicht getan zu haben.

Es gab einige Aspekte, in denen eine nachhaltige Organisation nicht nur mit Leidenschaft funktioniert, während Du gleichzeitig in der Lage sein willst, dir diese Leidenschaft zunutze zu machen. Ich glaube, wir hatten ein wenig damit zu kämpfen, wie man eine Organisation zum Laufen und gleichzeitig zum Wachsen bringt. An viele der Details erinnere ich mich inzwischen nicht mehr — ich habe ein fürchterlich schlechtes Gedächtnis für diese Art von Dingen, weil ich etwas vergesse, sobald es nicht länger mein Problem ist – es ist einfach weg.

Ein Beispiel ist, Kommunikationsstrukturen zu verstehen und herauszufinden, wie Kommunikation [für die OTW und als Komitee] aussehen sollte. [Die ersten freiwilligen HelferInnen] waren alle auf LiveJournal und deshalb dachte ich im Hinblick auf Kommunikation, dass es einfach unser Newsletter sein würde und darüber hinaus Leute von der OTW, die in ihren Journals posten und auf individueller Ebene mit anderen Fans reden würden. Das lief nicht besonders gut, und ich war zwar nicht selber involviert, erinnere mich aber an die Frustration, dass wir nicht sehr erfolgreich waren bei dem, was wir dort tun wollten.

Ich war stärker auf technischer Ebene eingebunden, zu der es ebenfalls mehr als genug Uneinigkeit gab. Die Frage war nämlich, entwirfst du zunächst und baust es dann, oder beginnst du einfach zu bauen? Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir am Ende den richtigen Weg gewählt haben. Wir sind tatsächlich einfach ins kalte Wasser gesprungen und haben begonnen zu bauen. Insgesamt bin ich sehr glücklich mit dem Erfolg dieser Strategie, und im Nachhinein wissen wir jetzt, dass es nicht perfekt ist und es Dinge gibt, die es nicht macht, so dass wir leider nicht jedem/r so gut gedient haben wie wir es hätten tun können. Das ist der Preis dafür, ein Archiv zu haben.

Ich glaube ganz grundsätzlich, dass es die richtige Entscheidung war und wir sind bei weitem nicht die erste Organisation, die diese Entscheidung treffen musste. Es gibt viele verschiedene Wege, sie zu treffen und wir hätten es auf bessere Weise machen können. Der Preis für diese Strategie muss nun über eine lange Zeit gezahlt werden. Aber was für mich am wichtigsten ist, ist dass wir etwas erschaffen haben. Und es wird daran gearbeitet, es an einen zukunftsfähigen Punkt zu bringen. Zu Beginn gab es eine sehr vorwärtstreibende Kraft, etwas auf die Beine zu stellen und es zum Laufen zu bringen.

Was siehst Du als die hauptsächlichen Wendepunkte der OTW in ihren zehn Jahren?

Wir hatten zu Beginn einen riesigen Vorteil, dass wir nämlich als kleine Gruppe von Menschen begonnen haben, die sich größtenteils alle kannten. Ich, [freiwillige Mitarbeiterin der Rechtsabteilung] Rebecca Tushnet und [freiwillige Mitarbeiterin der Transformative Works & Cultures – TWC (Transformative Werke und Kultur)] Francesca Coppa kannten uns und die übrigen ersten Vorstandsmitglieder befanden sich alle geographisch relativ nah beieinander, so dass wir uns Angesicht zu Angesicht treffen und Dinge diskutieren konnten. Das war eine große Hilfe. Aber wir hatten auch ein enormes Fachwissen in dieser frühen Gruppe — rechtliche, akademische, schriftstellerische, technische Experten. Die Mitglieder im ersten Vorstand waren die Stützen ihrer jeweiligen Gemeinschaften. Wir hatten also eine kleine Gruppe, die eng zusammenarbeite und Dinge in ihren jeweiligen Bereichen schnell entwickeln konnte.

Mitten im Wachstum der OTW kamen wir für eine Weile davon ab. Vorstandsmitglied zu sein ist ein harter Job und es braucht eine enorme Menge an Zeit, um gute Arbeit zu leisten. Ich habe es gut gemacht und ich habe es auch schlecht gemacht. Es kommt nicht nur, aber doch größtenteils darauf an, wieviel Zeit du einbringen kannst sowie auf die Leute, mit denen du zusammenarbeitest und ob du mit ihnen effektiv kommunizieren kannst und es ein gewisses Level persönlichen Vertrauens zwischen euch gibt.

Meinem Gefühl nach gab es einen schrecklichen Tiefpunkt, den wir durchlaufen haben. Es gab eine „mittlere Welle“; es gibt Forschung zu diesem Prozess in gemeinnützigen Organisationen die zeigt, dass es ein verbreitetes Muster ist, das die OTW durchlief. Es gibt eineN visionäreN GründerIn, oder Gründerteam, die sich wesentlich mehr vornehmen, als sie leisten können. Dieser Ansatz lässt viele Dinge offen. Die Menschen, die dann rekrutiert und aufgrund der Vision hineingezogen werden, die die GründerInnen aufgebaut haben, sehen die Probleme bei dem, was getan worden ist oder gerade getan wird, sind aber frustriert, weil sie vielleicht nicht den nötigen Zugang zu den GründerInnen oder die Möglichkeiten haben, um die Probleme zu lösen. Daraufhin entwickeln sich die Dinge dann entweder auf einem persönlichen oder organisatorischen Level antagonistisch. Als Folge hatte die OTW dann viele Leute, die sich für den Vorstand zur Wahl stellten, die gegen das waren, was im Vorstand passierte.

Während also die Dinge nicht gut laufen und der Vorstand nicht alles gut macht, wissen die Leute im Vorstand doch gleichzeitig viel darüber, was in der OTW vorgeht, weil es bereits Diskussionen und Auseinandersetzungen gab, die zu diesem Punkt geführt haben. Sie waren dabei und wissen die Gründe, aus denen Dinge geschehen. Es gibt aber kein Vertrauen mehr und der Vorstand als Gruppe ist dysfunktional geworden. Und wir hatten mehrere dysfunktionale Vorstände.

Dann gibt es eine dritte Welle, die zufrieden damit sind, ihr Ding in der OTW zu tun und nicht unbedingt in den Vorstand möchten. Sie haben aber die Probleme gesehen, sie sind in der Organisation aufgestiegen und haben gesehen, was an der Spitze vor sich geht. Und obwohl sie lieber weiter die Arbeit machen würden, die sie bisher gemacht haben, fühlen sie sich dennoch verpflichtet, sich der Sache anzunehmen und uns aus der Lage rauszuholen, in der wir uns befunden haben. Das ist die Art von Vorstand, den wir jetzt haben, und das ist eine gute Situation. Die OTW hat es durch die Wachstumsschmerzen geschafft, was wichtig ist, weil es viele Organisationen gibt, die es nicht durch diese Phase schaffen, durch diese Veränderungen.

Der Kontrast zu Beginn war, dass wir viele Auseinandersetzungen hatten, es aber die Grundlage gab, dass sich jeder kannte und die Fähigkeiten der anderen respektierte und voneinander wusste, bevor man sich gemeinsam im Vorstand wiederfand. Das kann gut sein, kreiert jedoch auch Abgeschlossenheit. Diese ersten Jahre bestanden einfach aus vrooom — was auch immer du versuchen wolltest, hast du einfach versucht. Es gab nichts, das dich aufhielt. Es existierte noch nichts, also hast du einfach etwas erschaffen.

Zu Beginn gab es also keine Leute, die etwas bereits auf eine bestimmte Art taten, die dann hätte komplett verändert werden müssen — das kann man Leuten nicht antun und ihre Arbeit und Prozesse auf diese Weise stören. Besonders im Hinblick auf Programmierung ist es zu Beginn eine wahnsinnig kreative Periode, in der du einfach erschaffst. Und im Allgemeinen mögen es die meisten Menschen zu kreieren, während sie es weniger mögen, alte Dinge zu pflegen, zumindest im Hinblick auf Technik. Es ist zu Beginn also wesentlich einfacher. Wir haben alle mit angefasst. Niemand von uns hatte bisher an etwas in der Größenordnung gearbeitet, in die die OTW heute fällt und wir sind noch dabei, es alles zu verstehen. Für einige Menschen ist es stressig, etwas anfangen zu müssen, aber für andere ist es auch stressig, etwas aufrechtzuerhalten und wachsen zu lassen.

Was hast Du während Deiner Zeit in der OTW persönlich erreicht und worauf bist du am meisten stolz?

Es gibt das AO3, einfach so, es existiert. Auf einer Metaebene, als ich das erste Mal etwas dazu postete, ein Archiv zu bauen, habe ich es nicht als etwas betrachtet, das ich tun würde. Ich habe sogar gesagt, dass es etwas sei, das wir bräuchten und falls jemand anderes es tun würde, wäre ich bereit zu helfen. Aber dann sah ich, dass sich keiner freiwillige meldete, und es gab einen Moment, ich erinnere mich an diesen Moment, in dem mir klar wurde, dass es ein enormer Zeitfresser sein würde, der mir emotional alles abverlangen und mich für den Rest meines Lebens festlegen würde. Aber ich habe es dennoch getan.

Jene erste Diskussion generierte einen gewissen Schwung, auf dem wir direkt aufbauen mussten. Es gibt diesen einen Moment, in dem du eine Idee auf den Tisch legen kannst, und wenn du ihn verpasst, bricht das ganze in sich zusammen, bevor es überhaupt zu etwas werden konnte. Als ich den Beitrag veröffentlichte, tat ich das, weil ich wütend war und daran glaubte; ich glaubte, dass wir etwas tun mussten. Es ist dieses ganze Klischee: „Du musst die Veränderung sein, die Du in der Welt sehen möchtest.“ Also ging ich zu Rebecca und Francesca und sagte: „Wir werden das tun, aber ich schaffe es nicht ohne euch.“ Und sie sagten: „Okay, wir sind dabei.“ Wir hatten schon vorher Gespräche über die Probleme, derer sich die OTW annehmen sollte und dies war der Zeitpunkt, um etwas zu tun.

Wie siehst Du heute die Rolle der OTW und denkst Du, dass sie sich seit ihrer Gründung verändert hat? Wie könnte sie sich in den nächsten 10 Jahren verändern?

Die wichtigste Rolle, die die OTW in meinen Augen jetzt hat und die sie zu Beginn nicht hatte, ist es, Dinge zu erhalten, z.B. das AO3 online und am Laufen zu halten. Also das AO3 und auch Fanlore, aber Fanlore ist wesentlich leichter zu betreuen. Es ist nicht einfacher, es weiterzuentwickeln, aber einfacher, es vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Selbst das AO3 kann nur schwer über die nächsten 10 Jahre weiterentwickelt werden, weil es auf ein technisch modernes Level gebracht werden muss. Es sollte aktuell Diskussionen über Version 2.0 des AO3 geben und ich nehme an, die gibt es auch. Aber das AO3 sollte in 10 Jahren nicht mehr so aussehen wie heute und wir müssen eher früher als später anfangen, uns Gedanken über einen Plan zu machen[, wie wir dorthin kommen].

Wir haben die Verantwortung übernommen und ich weiß, dass – selbst während der düstersten Momenten des Vorstandes, als ich buchstäblich dachte, das gesamte Tech-Team würde kündigen und es gäbe niemanden, um das AO3 am Laufen zu halten — dass der Grund, aus dem die Leute [als Freiwillige] dabei blieben, obwohl es keine guten Lösungen für die Probleme gab, die Beharrlichkeit war, niemanden im Stich lassen zu wollen. Es kann einen Punkt geben, an dem die persönlichen Kosten zu hoch werden, um weiterhin an einem unserer Projekte zu arbeiten,aber wenn alles von mir als Person und meiner Arbeit abhängt, dann gibt es kein Überleben. Ich konnte an diesem Punkt in meinem Leben nicht die Verantwortliche dafür sein, das, was wir begonnen hatten, am Laufen zu halten und zu entwickeln. Ich hatte ein kleines Kind, mein Leben veränderte sich. Und ich hatte tatsächlich versucht, Gespräche mit dem Vorstand darüber zu führen, was schwierig war, dass wenn du den Mitarbeitern nicht zutraust zu wissen, was sie tun müssen und ihnen den Raum gibst, diese Dinge geschehen zu lassen, das Projekt nicht überleben wird. Es sind nur wenige Leute, die es aufrechterhalten, und es sind weiterhin nur wenige Leute, die die Arbeit erledigen, aber jetzt sind Externe beauftragt, die uns helfen uns zu entwickeln und es läuft ein Prozess, um das AO3 leichter wartbar zu machen.

Wir alle müssen mit Würde einer Meinung sein und auch mit Würde scheitern. Und es kann einen Tag kommen, an dem die Luft raus ist. Es könnte einen Tag geben, an dem wir es uns nicht mehr leisten können, die OTW am Laufen zu halten, an dem wir aber die Geschichten zum Download verfügbar halten und die Datensätze zur Verfügung stellen, damit jemand anderes die Aufgabe übernehmen kann. Es ist das gleiche, vor dem Open Doors (Offene Türen) uns zu retten versucht, dass es Seiten gibt, die ihre Türen schließen, Tschüss, all deine Werke sind verloren. [Die Website] iMeem hat das [Fans des] Vidding angetan. Einfach eines Tages, Oh, wir hosten keine Videos mehr. Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir eine Pflicht haben, so etwas nicht zu tun, dass ist die Mission, die wichtigste Sache, die die OTW leisten muss. Und ich habe das Gefühl, dass dies geschieht[, dass wir Dinge am Laufen halten und sie pflegen], damit bin ich also zufrieden.

Ich habe außerdem den Eindruck, dass wir rechtlich gesehen in einer besseren Position sind als früher, was toll ist, und ich bin wirklich stolz auf alles, was das Team der Rechtsabteilung erreicht hat. Es war wunderbar, ihre Siege zu sehen. Ich finde, die OTW hat auch einen guten Job dabei gemacht, Dinge durch Open Doors zu erhalten. Das ist etwas, worauf ich gerne mehr Fokus gelegt sehen würde, Konservierungsarbeit. Aber der wichtige Punkt, an dem gearbeitet werden muss, ist auch die nächste Generation. Fandom ist heute viel größer als es früher war, also müssen wir nicht jeden einzelnen erreichen, muss die OTW nicht jedem Fan dort draußen etwas bedeuten. Aber wir müssen dort sein, wo die Kids sind, es gibt zum Beispiel nicht genug Engagement mit Wattpad. Deshalb denke ich haben wir Leute, die zum AO3 kommen und bestimmte Dinge wollen und erwarten und dann wieder gehen, ohne wirklich zu verstehen, was das AO3 eigentlich sein soll.

Eine Sache, die ich die OTW nicht versuchen sehen möchte, ist hip und trendy zu werden und uns selbst zu verändern, um das zu erreichen. Wir möchten die Bibliothek sein, der langweilige Ort, von dem aber jedeR weiß, der da ist, wenn du ihn brauchst.

Was hat Dir am meisten Spaß gemacht als Freiwillige in der OTW?

Das AO3 zu bauen. Ich liebe das Programmieren, ich finde, es macht irre Spaß, einfach etwas zu bauen und zu programmieren. Ich liebe das, das ist das beste.


Nun da eine unserer Gründerinnen fünf Dinge davon erzählt hat, die sie getan hat, bist Du an der Reihe, eine weitere Sache hinzuzufügen! Wie lange weißt Du schon von der OTW? Machst Du Gebrauch von den verschiedenen Projekten? Wie lange bist Du schon im Fandom?

Du kannst Dir auch frühere Fünf-Dinge-Beiträge von einigen unserer Freiwilligen ansehen.

Dieser Newsbeitrag wurde von freiwilligen ÜbersetzerInnen der OTW übersetzt. Um mehr über uns und was wir tun herauszufinden, schau auf der transformativeworks.org-Seite des Übersetzungsteams vorbei.